{"id":152,"date":"2022-10-15T10:31:21","date_gmt":"2022-10-15T08:31:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.annalerntleben.de\/?p=152"},"modified":"2022-10-15T10:31:21","modified_gmt":"2022-10-15T08:31:21","slug":"der-essstoerung-ins-auge-blicken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.annalerntleben.de\/?p=152","title":{"rendered":"Der Essst\u00f6rung ins Auge blicken"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Essst\u00f6rung &#8211; ein sehr schambesetztes Thema, findet sie doch haupts\u00e4chlich im Geheimen statt. Doch damit soll jetzt Schluss sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Mittlerweile begleitet sie mich 25 (!!!) Jahre und ich finde das reicht, das ist mehr als genug. Ich habe keine Lust und vor allem keine Kraft mehr daf\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p>Alleine werde ich das allerdings nicht schaffen, deswegen habe ich einen Termin beim Therapienetz Essst\u00f6rungen ausgemacht. Ich glaubte immer, dass ich jederzeit aufh\u00f6ren k\u00f6nnte, es sein lassen k\u00f6nnte, einfach normal essen k\u00f6nnte. Doch das ist nicht so einfach, w\u00e4re es das h\u00e4tte ich es l\u00e4ngst getan.<\/p>\n\n\n\n<p>Jede andere Sucht basiert in der Heilung darauf, das Suchtmittel wegzulassen, beim Essen geht das nicht. Ich MUSS ja essen. Nun ist es ja auch so, dass ich &#8211; auch wenn ich in letzter Zeit sichtbar zugenommen habe &#8211; nach Au\u00dfen hin nicht erkennbar unter einer Essst\u00f6rung leide. Also ich bin weder unter- noch \u00fcbergewichtig. Wo also liegt das Problem mag der ein oder andere denken. Es ist kompliziert. In der \u00d6ffentlichkeit und unter Menschen kann ich auch ganz &#8220;normal&#8221; essen. Ich bin auch der \u00dcberzeugung, dass es mir nicht (mehr) so sehr wie fr\u00fcher um das m\u00f6glichst Schlanksein geht. Dazu habe ich gar nicht mehr die Kraft und Ausdauer.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade zu meiner Abizeit war ich stark an Anorexie erkrankt. Doch es gab mir so viel Energie und ich war nie mehr so leistungsf\u00e4hig wie zu der Zeit. Mein K\u00f6rper, \u00e4u\u00dferlich total geschw\u00e4cht und auf 39 kg abgemagert, war innerlich und geistig in absoluter H\u00f6chstform. Allerdings merkte ich damals noch nicht wie sehr mein Alltag von dem Thema Essen, bzw. Nicht-Essen beherrscht war.<\/p>\n\n\n\n<p>Das merkte ich erst als die Essattacken begannen. Ich rutschte in die sogenannte trockene Bulimie, d.h. ich hatte die Esssttacken, erbach aber nicht danach, sondern gleichte die gro\u00dfe Anzahl an Kalorien mit Hungern oder exzessivem Sport aus. Ab da bemerkte ich wie sehr mich die Essst\u00f6rung im Griff hatte. Wie viel Zeit sie mir raubte, die ich nicht hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die MTA- Schule hatte begonnen, ich hatte t\u00e4glich Vorlesungen bis 17 Uhr, dann noch lernen und dann war da eben noch die Essst\u00f6rung. Es war irgendwann nicht mehr machbar, ich drohte in all dem zu ertrinken.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich k\u00fcmmerte mich um einen Therapieplatz und versuchte es so zu legen, dass ich m\u00f6glichst wenig an Schulstoff verpasste. Und so war ich die Ferien \u00fcber und 2 Wochen davor und danach f\u00fcr 8 Wochen in der Klinik. Leider mit begrenztem Erfolg. Zwar wurde die Essst\u00f6rung bzw. der Umgang damit etwas besser, aber die Symptomatik verlagerte sich dann auf die Selbstverletzungen. Eine Art PingPong entstand. F\u00fcr viele, viele Jahre bis ins heute. Wurde die Ess-Symptomatik besser, verschlechterte sich die Selbstverletzungs-Symptomatik und umgekehrt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem ich dann die ersten Neuroleptika bekam und innerhalb k\u00fcrzester Zeit 20 kg zunahm, begann auch das Erbrechen. Ein bis heute andauernder Kampf begann. Es gab immer wieder Zeiten in denen es besser war und auch mal ein paar Jahre, in denen ich ein fast &#8220;normales&#8221; und &#8220;geregeltes&#8221; Essverhalten hatte. Ich schreibe das in Anf\u00fchrungszeichen, da mein K\u00f6rperbild wohl f\u00fcr immer verzerrt bleiben wird. Ich war BMI- technisch die ganze Zeit, die ich als &#8220;normal&#8221; bezeichnet habe, im Untergewicht. Und selbst da fand ich manchmal dass ich zu viel auf den Rippen hatte. Tja was soll ich jetzt sagen, mit 10 kg mehr&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wollte immer m\u00f6glichst &#8220;kantig&#8221; und &#8220;eckig&#8221; sein, da &#8220;rundlich&#8221; gleich weiblich hei\u00dft und weiblich hei\u00dft attraktiv, hei\u00dft Gefahr, da ich nicht se*uell anziehend sein m\u00f6chte\/wollte. Zum einen ist da die gro\u00dfe Angst vor einem erneuten \u00dcbergriff, die trotz allem immer unter der Oberfl\u00e4che schlummert, zum andern ist da die gro\u00dfe Abneigung, vor der eigenen Weiblichkeit. Das finde ich so derma\u00dfen absto\u00dfend und im wahrsten Sinne des Wortes zum kotzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir geht es bei dem Ganzen nicht darum m\u00f6glichst d\u00fcnn sein zu wollen um einem Sch\u00f6nheitsideal zu entsprechen, darum ging es noch nie wirklich. Die L\u00f6sung mag da sehr einfach und logisch klingen, ich m\u00fcsste mich nur mit meinem K\u00f6rper auss\u00f6hnen und alles ist gut. Naja, so einfach ist es eben nicht. Zum einen ist das f\u00fcr mich eine schier un\u00fcberwindbare H\u00fcrde. Ich wei\u00df nicht wie ich dieses Gef\u00fchl des Ekels und der Ablehnung ver\u00e4ndern soll. Zum anderen ist das Essen ebenso wie das selbstverletzende Verhalten auch eine Strategie um mit belastenden Gef\u00fchlen zurecht zu kommen, ich kann damit kompensieren was ich scheinbar nicht aushalten kann. Da ist dann nur noch das Essen in meinem Kopf und durch das Erbrechen werde ich dann den Druck und die Last los. Danach bin ich so ersch\u00f6pft, leer und m\u00fcde, dass ich gar nichts mehr sp\u00fcre.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann ist da eben noch dieser Suchtcharakter. Ich merke wie ich unruhig werde und meine Gedanken sich nur noch um das Essen drehen, ich kann an nichts anderes mehr denken. Bis ich dann endlich nachgebe und esse. Dann kommt das schlechte Gewissen, der Magendruck, das V\u00f6llegef\u00fchl und ich werde all das Essen wieder los. Dann bin ich sauer, w\u00fctend und frustriert. Wenn ich Pech habe kommt wenig sp\u00e4ter wieder der Suchtdruck und alles geht von vorne los. Manchmal habe ich sogar Angst \u00fcberhaupt etwas zu essen, aus Sorge das l\u00f6st wieder so eine Lawine aus. Nichts zu essen kann sie aber genauso ausl\u00f6sen&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Essst\u00f6rung &#8211; ein sehr schambesetztes Thema, findet sie doch haupts\u00e4chlich im Geheimen statt. Doch damit soll jetzt Schluss sein. Mittlerweile begleitet sie mich 25 (!!!) 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