Vui zvui Gfui
Viel zu viel Gefühl – wobei in meinem Fall würde ich von Einfühlungsvermögen sprechen.
Es ist Fluch und Segen zugleich.
So habe ich so feine und sensible Antennen, dass ich eine Nuance an Gefühlsänderung im Anderen wahrnehme. Ich kann den Anderen lesen wie ein Buch. Die Antennen signalisieren (hauptsächlich) Gefahr, ich analysiere und interpretiere die Situation, um dann entsprechend handeln zu können und eine mögliche Disharmonie aus der Welt zu schaffen oder sie vorzubeugen.
So ein intensives Einfühlungsvermögen macht mich einerseits zu einem empathischen Menschen. Ich kann mich gut – oftmals zu gut – in den Anderen rein versetzen. Ich kann ihn verstehen und mich einfühlen. Dem Anderen einen ungeteilten Raum zu bieten, wird oft als sehr positiv und hilfreich empfunden.
Andererseits war es auch mal wichtig und sorgte fürs Überleben:
– wenn ich schon weiß was der andere von mir erwartet, bevor er es selber weiß, und ich es dann erfülle werde ich nicht abgelehnt. Die Folge, ich wurde überangepasst, stellte die Bedürfnisse des Gegenüber ganz nach oben und erfüllte sie im vorauseilenden Gehorsam. Das Gegenüber sollte mir dadurch positiv gestimmt sein. Das führte dazu dass ich heute meine Bedürfnisse nur sehr schwer wahrnehmen und noch schwerer erfüllen kann.
– Im Verhalten, der Mimik und der Gestik des Anderen kann ich lesen was gerade los ist. Nicht bei jedem und nicht immer im gleichen Maße. Für mich sind das Wegweiser wie ich mich zu verhalten bzw. was ich zu sagen habe. Es geht darum Ärger, Zorn, Wut, Enttäuschung oder Ablehnung zu vermeiden. Ich richte mich komplett danach, dass es dem anderen maximal gut (mit mir) geht.
Schwierig wird es beim Zusammentreffen mehrerer Personen. Da funktioniert meine Strategie nicht und ich komme in großen Stress. Ich kann mich ja immer nur auf eine Person fokussieren und selbst wenn ich versuche alles zum mich herum wahrzunehmen, funktioniert das nicht.
Ein weiteres großes Problem sind für mich schriftliche Nachrichten. Da fehlen mir meine Anhaltspunkte und selbst wenn man mit Emojis schreibt bleibt viel Raum zur Interpretation. Da versagt mein System des öfteren und ich neige zur Überreaktion.
Auch in letzter Zeit schlägt mein inneres System vermehrt falsch an. Meine Antennen signalisieren Gefahr, meine Interpretation setzt ein und glaubt die Situation erfasst zu haben um dann handeln zu können. Z. B. spreche ich den anderen an oder gehe ins Handeln um die vermeintlich abhandengekommene Harmonie wieder herzustellen. Und dann stellt sich die Situation als völlig anders dar. Stress pur. Was hat das zu bedeuten was ist schief gegangen? Bisher war das System immer verlässlich, es gab so gut wie keine Fehlinterpretationen. Und jetzt? Jetzt passiert es des öfteren dass ich durch das Ansprechen oder Handeln das Gegenüber verärgere. Hilfe!!!!! Das ist ja das Gegenteil von dem was ich erreichen möchte. Nun gehe ich ins Beschwichtigen, mache mich klein, stell mich als dumm und schuldig hin oder verletzte mich schlimmstenfalls. Ich will dadurch die “Ordnung” wieder herstellen.
Es ist ein extrem schlimmer Zustand. Nicht nur dass ich meinem inneren System nicht mehr trauen kann, sondern ich mache es erst durch mein Handeln zum Problem – zu meinem Problem. Ich dachte es wäre ein guter Weg die Dinge beim Namen zu nennen und anzusprechen. So kann man Disharmonien gleich von Anfang an klären. Doch nun? Lieber nichts mehr sagen? Nicht mehr handeln? Dann laufe ich Gefahr, dass sich das in mir wieder zu einem riesigen Berg aufbaut. Ich würde darunter leiden und irgendwann dann das Fass überlaufen. Da will ich eigentlich nicht mehr hin.
Doch was ist dann die Lösung? Mich lässt das ja dann immer nicht mehr in Ruhe, ich denke ständig drüber nach und es entsteht richtiger innerlicher Stress. Stress macht krank und sollte vermieden werden. Dennoch sehe ich mich in einem Dilemma. Noch weiß ich keine Lösung dafür. Vielleicht hat ja der eine oder andere eine Idee, ich bin offen für Vorschläge.