Selbstverletzendes Verhalten im Erwachsenenalter
Triggerwarnung – bitte lese dies nur wenn du dich stabil fühlst und gut für dich sorgen kannst
Dies ist ein Thema, das nur sehr selten thematisiert wird. Bei selbstverletzendem Verhalten (SVV) denkt man als erstes an Jugendliche oder junge Erwachsene, die sich ritzen oder mit Zigaretten brennen. Ich bin mittlerweile 42 Jahre alt, habe mit 10 Jahren begonnen mich zu verletzen, hatte eine 10 jährige verletzungsfreie Zeit und seit ca. 3 Jahren sind Selbstverletzungen wieder eine Thema.
Auf der einen Seite habe ich den Eindruck heute mit mehr Respekt und Verständnis behandelt zu werden als früher, auf der anderen Seite, höre ich oft direkt oder zwischen den Zeilen eine Art “genervt-sein” – oder ist es Hilflosigkeit? – dass ich doch schon so lange Therapie mache und es eigentlich besser wissen müsste. Ich höre den vermeintlichen Vorwurf wohl auch deshalb so oft raus, da ich mir das selbst vorwerfe. Und ja, ich weiß es auch besser, das ändert aber nichts daran.
Viel mehr scheint mir der Weg über die dahinterstehenden Bedürfnisse gangbar zu sein. Worum geht es mir bei dem Thema SVV? Diese Bedürfnisse habe ich in der Therapie heraus gearbeitet:
- Sicherheit
- Geborgenheit
- Beruhigung
- Selbstbestimmung
- (Selbst) Vertrauen
Nun ist natürlich die Frage auf welche Weise oder mit welchen konstruktiven Strategien ich mir diese Bedürfnisse erfüllen kann, ohne auf die Selbstverletzung zurück greifen zu müssen.
Sicherheit
Was könnte mir noch das Bedürfnis nach Sicherheit erfüllen? Ich kann mir auf jeden Fall sagen, dass ich im Hier und Jetzt in Sicherheit bin. Ich kann für mich sorgen, mich um mich kümmern. Sicherheit hat für mich auch den Aspekt der Kontrolle. Diese bekomme ich auch durch das in-Bewegung-kommen, ich kann etwas ändern wenn mir etwas nicht gut tut, ich kann Situationen oder Menschen verlassen, wenn sie mich belasten, ich behalte die Kontrolle. Auf diese Art kann ich mir die Sicherheit geben, dass ich mich um mich kümmere und mich nicht verlasse, dass ich mich und meine Bedürfnisse ernst nehme.
Geborgenheit / Beruhigung
So bizarr es auch klingen mag, das Fließen von warmen Blut, das Pochen der Wunde wirkt beruhigend auf mich. Der körperliche Schmerz war sehr lange Zeit wesentlich leichter zu ertragen als der seelische. So entstand in mir die positive Verknüpfung, dass ich mich erst durch eine Verletzung beruhigen und entspannen konnte. Erst dadurch kam ich vom hohen Anspannungslevel runter. Schnell bekam es allerdings auch eine Art Suchtcharakter, bei dem die Verletzungen immer schlimmer wurden um das gleiche Gefühl der Beruhigung hervor zu rufen. Es war/ist ein sehr intimer, persönlicher Moment, ich fühle und spüre mich, bin ganz bei mir, wodurch ein Gefühl der Geborgenheit entsteht. Vermeintliche Geborgenheit – denn im Endeffekt verlasse ich mich, schade mir, es ist ein vorgegaukeltes Gefühl der Geborgenheit. Gerade durch die körperorientierte Traumatherapie fange ich gerade an erste zaghaft Erfahrungen mit mir bzw. meinen Füßen zu erleben.
Selbstbestimmung
Ich habe so lange in der Starre verharrt, mich nicht getraut meine Fühler auszustrecken. Durch die fehlende Sicherheit seit Kindheit an, hatte ich auch kein Bestreben nach Entfaltung. So habe ich mir Strategien gesucht wie ich ohne ein nach-Außen-gehen eine Art Selbstbestimmung leben kann. Die Essstörung (begonnen mit Magersucht und später dann Bulimie) und auch das SVV waren ein Versuch das Bedürfnis zu erfüllen. Doch wie ich bereits erkannt habe, geht es darum die Starre zu lösen, um zu einer echten Selbstbestimmung zu kommen. Und das fängt eben im ganz Kleinen an, wie bei einer Yogahaltung.
(Selbst)Vertrauen
Hier liegt eine etwas verquere Logik zu Grunde. Es geht in gewisser Weise auch wieder (!) um das Thema Kontrolle, wobei das nur so scheint. Ich glaube ja immer, dass ich die Situation erst durch eine Verletzung unter Kontrolle bekomme. Dabei gehe ich davon aus, dass der Akt der Verletzung auch meiner Kontrolle unterliegt. Dass dem nicht so ist und ich bisher einfach auch nur ganz viel Glück hatte, hat mir jetzt die letzte Aktion deutlich gezeigt. Bisher hatte ich bis auf ein paar taube Stellen, an denen Nerven durchtrennt sind und der überschüssigen Narbenbildung kaum dauerhafte Einschränkungen. Das habe ich aber immer für selbstverständlich gehalten, ich hielt meinen Körper für unkaputtbar. Also eine Art Vertrauen darauf, dass nichts schlimmes passiert. In guten Phasen, kann ich sehr wohl erkennen was für ein Glück ich bisher hatte und wie dankbar ich für die Belastbarkeit meines Körpers sein kann.
Bei dem Thema Vertrauen gebt es aber vermutlich um etwas ganz anderes. Mir fehlt für eine Art Selbstvertrauen der Boden dazu, das Fundament auf das ich trauen kann. Deshalb kommt ja so oft das Wort Kontrolle vor, ich suche im Außen nach Haltepunkten, da ich sie in mir nicht habe. Auch das SVV ist eine Art Haltepunkt um mich sicher zu fühlen. Ich kenne mittlerweile einige Theorien dazu, zu diesem Selbst- oder Urvertrauen zu finden, falls das im Nachhinein wirklich noch findbar ist. Ganz ehrlich, so richtig habe ich noch nicht zu meiner gefunden. Noch halte ich mich im Außen an Dingen und an Menschen fest. Aber ich bin auf dem Weg, in Bewegung…