Der Essstörung ins Auge blicken

Der Essstörung ins Auge blicken

Die Essstörung – ein sehr schambesetztes Thema, findet sie doch hauptsächlich im Geheimen statt. Doch damit soll jetzt Schluss sein.

Mittlerweile begleitet sie mich 25 (!!!) Jahre und ich finde das reicht, das ist mehr als genug. Ich habe keine Lust und vor allem keine Kraft mehr dafür.

Alleine werde ich das allerdings nicht schaffen, deswegen habe ich einen Termin beim Therapienetz Essstörungen ausgemacht. Ich glaubte immer, dass ich jederzeit aufhören könnte, es sein lassen könnte, einfach normal essen könnte. Doch das ist nicht so einfach, wäre es das hätte ich es längst getan.

Jede andere Sucht basiert in der Heilung darauf, das Suchtmittel wegzulassen, beim Essen geht das nicht. Ich MUSS ja essen. Nun ist es ja auch so, dass ich – auch wenn ich in letzter Zeit sichtbar zugenommen habe – nach Außen hin nicht erkennbar unter einer Essstörung leide. Also ich bin weder unter- noch übergewichtig. Wo also liegt das Problem mag der ein oder andere denken. Es ist kompliziert. In der Öffentlichkeit und unter Menschen kann ich auch ganz “normal” essen. Ich bin auch der Überzeugung, dass es mir nicht (mehr) so sehr wie früher um das möglichst Schlanksein geht. Dazu habe ich gar nicht mehr die Kraft und Ausdauer.

Gerade zu meiner Abizeit war ich stark an Anorexie erkrankt. Doch es gab mir so viel Energie und ich war nie mehr so leistungsfähig wie zu der Zeit. Mein Körper, äußerlich total geschwächt und auf 39 kg abgemagert, war innerlich und geistig in absoluter Höchstform. Allerdings merkte ich damals noch nicht wie sehr mein Alltag von dem Thema Essen, bzw. Nicht-Essen beherrscht war.

Das merkte ich erst als die Essattacken begannen. Ich rutschte in die sogenannte trockene Bulimie, d.h. ich hatte die Esssttacken, erbach aber nicht danach, sondern gleichte die große Anzahl an Kalorien mit Hungern oder exzessivem Sport aus. Ab da bemerkte ich wie sehr mich die Essstörung im Griff hatte. Wie viel Zeit sie mir raubte, die ich nicht hatte.

Die MTA- Schule hatte begonnen, ich hatte täglich Vorlesungen bis 17 Uhr, dann noch lernen und dann war da eben noch die Essstörung. Es war irgendwann nicht mehr machbar, ich drohte in all dem zu ertrinken.

Ich kümmerte mich um einen Therapieplatz und versuchte es so zu legen, dass ich möglichst wenig an Schulstoff verpasste. Und so war ich die Ferien über und 2 Wochen davor und danach für 8 Wochen in der Klinik. Leider mit begrenztem Erfolg. Zwar wurde die Essstörung bzw. der Umgang damit etwas besser, aber die Symptomatik verlagerte sich dann auf die Selbstverletzungen. Eine Art PingPong entstand. Für viele, viele Jahre bis ins heute. Wurde die Ess-Symptomatik besser, verschlechterte sich die Selbstverletzungs-Symptomatik und umgekehrt. 

Nachdem ich dann die ersten Neuroleptika bekam und innerhalb kürzester Zeit 20 kg zunahm, begann auch das Erbrechen. Ein bis heute andauernder Kampf begann. Es gab immer wieder Zeiten in denen es besser war und auch mal ein paar Jahre, in denen ich ein fast “normales” und “geregeltes” Essverhalten hatte. Ich schreibe das in Anführungszeichen, da mein Körperbild wohl für immer verzerrt bleiben wird. Ich war BMI- technisch die ganze Zeit, die ich als “normal” bezeichnet habe, im Untergewicht. Und selbst da fand ich manchmal dass ich zu viel auf den Rippen hatte. Tja was soll ich jetzt sagen, mit 10 kg mehr…

Ich wollte immer möglichst “kantig” und “eckig” sein, da “rundlich” gleich weiblich heißt und weiblich heißt attraktiv, heißt Gefahr, da ich nicht se*uell anziehend sein möchte/wollte. Zum einen ist da die große Angst vor einem erneuten Übergriff, die trotz allem immer unter der Oberfläche schlummert, zum andern ist da die große Abneigung, vor der eigenen Weiblichkeit. Das finde ich so dermaßen abstoßend und im wahrsten Sinne des Wortes zum kotzen.

Mir geht es bei dem Ganzen nicht darum möglichst dünn sein zu wollen um einem Schönheitsideal zu entsprechen, darum ging es noch nie wirklich. Die Lösung mag da sehr einfach und logisch klingen, ich müsste mich nur mit meinem Körper aussöhnen und alles ist gut. Naja, so einfach ist es eben nicht. Zum einen ist das für mich eine schier unüberwindbare Hürde. Ich weiß nicht wie ich dieses Gefühl des Ekels und der Ablehnung verändern soll. Zum anderen ist das Essen ebenso wie das selbstverletzende Verhalten auch eine Strategie um mit belastenden Gefühlen zurecht zu kommen, ich kann damit kompensieren was ich scheinbar nicht aushalten kann. Da ist dann nur noch das Essen in meinem Kopf und durch das Erbrechen werde ich dann den Druck und die Last los. Danach bin ich so erschöpft, leer und müde, dass ich gar nichts mehr spüre.

Und dann ist da eben noch dieser Suchtcharakter. Ich merke wie ich unruhig werde und meine Gedanken sich nur noch um das Essen drehen, ich kann an nichts anderes mehr denken. Bis ich dann endlich nachgebe und esse. Dann kommt das schlechte Gewissen, der Magendruck, das Völlegefühl und ich werde all das Essen wieder los. Dann bin ich sauer, wütend und frustriert. Wenn ich Pech habe kommt wenig später wieder der Suchtdruck und alles geht von vorne los. Manchmal habe ich sogar Angst überhaupt etwas zu essen, aus Sorge das löst wieder so eine Lawine aus. Nichts zu essen kann sie aber genauso auslösen…

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