Schwarz und Weiß
Schwarz und Weiß, gut und schlecht, hell und dunkel, oben und unten, hoch und tief, innen und außen, lieben und hassen, lachen und weinen usw. …
Warum schreibe ich das? Ein Symptom meines Störungsbildes ist das typische schwarz-weiß-Denken bzw. kann es auch ein entweder-oder-Denken sein. Ich würde es in meinem Fall auch schwarz-weiße Lebensweise oder schwarz – weißes Handeln nennen.
Durch viele frühere Erfahrungen habe ich gelernt, dass Angepasstsein mehr Erfolg, Anerkennung und Lob einbringt, als “ich” bzw. “echt” zu sein. Ich habe dieses Angepasstsein perfektioniert, bin eine Meisterin der Alltagscamouflage geworden. So handle ich z. B. oft schon bevor mein Gegenüber seinen Wunsch geäußert hat, ich widerspreche fast nicht, bin so gut wie immer der Meinung meines Gegenübers, gehe mehr auf die Bedürfnisse des Anderen ein, als auf meine – die ich in den Momenten oft auch gar nicht spüre, ich konstruiere eine glänzende Maske, zeige mich verständig und reflektiert, biete dem Gegenüber damit Harmonie, Verständnis und Wohlbefinden usw. Die Liste ist unendlich lang und betrifft alle meine Lebensbereiche – zumindest fast alle.
Es wundert mich nicht, dass ich oft die Rückmeldung bekomme wie angenehm meine Anwesenheit ist und wie gern Menschen mit mir befreundet sind. Es gibt so gut wie nie Konflikte und der Andere bekommt fast den gesamten Raum.
Mühselig lerne ich, bzw. probiere mich aus, nicht nach dem Schema der Angepasstheit zu handeln. Das ist eine Mammut Aufgabe und gelingt mal mehr und meist weniger. Es erfordert viel Kraft und Willensstärke und fühlt sich nicht immer gut an, wenn z.B. das Gegenüber als Reaktion negative Emotionen zeigt.
Ich schrieb es betrifft fast alle Lebensbereiche – und damit meine ich das therapeutische Setting. Zu Anfang schlug auch hier das Muster voll zu, ich wollte die beste, liebste, reflektierteste, verständnisvollste, schlimmste und kränkeste Patientin sein. Doch mit der Zeit machte ich die Erfahrung, dass ich letztendlich für mich in der Therapie bin und nicht um irgendwelche Therapeuten zu beeindrucken oder nach deren Mund zu reden und zu handeln (trotz dieser Erkenntnis falle ich immer wieder in das Verhaltensmuster zurück). Also musste ich umdenken. Auch hier war ein Prozess nötig.
Und tatsächlich konnte ich in der letzten, langjährigen Therapie die Erfahrung machen, dass die Therapeutin die Arbeit mit mir nicht hinschmeißt nur weil ich nicht mehr die angepasste Patientin bin. Und so kroch ich immer mehr hinter der Angepasstheit hervor. Nachdem ich es geschafft hatte mich vollständig zu zeigen, auch mit den negativen und destruktiven Anteilen, begann sich allerdings diese Seite zu verselbständigen.
So wurde ich im Außen und im Privaten wieder angepasster, reflektierter, “ruhiger” und vermeintlich “gesünder”, während ich in den therapeutischen Settings “laut” war und den “kranken” Anteilen den Raum überließ. Dass sich das nicht nach einer Person anfühlte war schnell klar. Ich glaube dass ich u.a. deswegen wieder mit dem Schreiben hier auf der Seite begonnen habe. In der Hoffnung die beiden konträren Seiten / Anteilen wieder etwas anzunähern. Ihnen eine Stimme zu geben, auch außerhalb von Therapie. Funfact am Rande – es haben ja gerade ALLE therapeutischen Beziehungen geendet. Na wenn das kein Zeichen ist?!
Beim Schreiben kam mir der Gedanke, dass es in dieser Hinsicht gar nicht so falsch ist “schwarz-weiß” zu sein. Dass sich die kranken Anteile in der Therapie zeigen (dürfen). Denn ob meine privaten Beziehungen damit belastet werden sollen? Das möchte ich nicht, ich kann es nicht ertragen die Sorge und Angst in den Augen meiner Lieben zu sehen. Ich möchte nicht dass sich die Menschen die mir wichtig sind, so fühlen wie ich, wenn ich ungefragt eine Leidensgeschichte präsentiert bekomme. Für mich ist es ein großer Unterschied, ob ich frage wie es dem anderen geht oder ob ich seine Probleme und Leiden ungefragt übergestülpt bekomme. Ich bin dafür zu durchlässig, das prominent präsentierte Leiden nimmt mich ein, fesselt mich, dringt in meine Zellen, lässt mich das Leid spüren, ich habe keine Chance mich zu schützen und gehe schwer belastet aus so einem Kontakt. Wenn ich aber mein Gegenüber frage wie es ihm geht, kann ich mich drauf vorbereiten, mich wappnen und mich schützen, falls erforderlich.
Ich schaffe es allerdings nicht das Innere nach außen zu zeigen. Und damit wäre die Therapie der Ort an dem die “schwarze” Seite ihren Raum hat und in privaten Beziehungen darf ich “weiß” sein. Und damit wäre ich trotzdem “eins”. Meine Vorstellung war überall “grau” zu sein. Doch von früher weiß ich, wie langweilig, unscheinbar und unsichtbar das macht. Und wenn ich ehrlich bin, liebe ich ja schon etwas das Extreme… 😉