Verlust
Ich möchte heute über eine bereits etwas zurückliegende Situation schreiben – wobei ganz verwunden habe ich sie noch nicht.
Es geht um die Beendigung der Therapie bei Frau M. Ich war ja insgesamt 11 Jahre bei ihr.
Ich habe eine diagnostizierte gemischte Persönlichkeitsstörung aus Borderline und Dependenten Anteilen. Dies hat zur Folge, dass ich unter massiven – fast bis zu existenziell bedrohlichen – Ängsten leide verlassen zu werden. Natürlich weiß mein Kopf, dass meine Welt nach einer Trennung / einem Verlust nicht unter geht, dass ich deswegen nicht sterben werde – aber es fühlt sich dennoch so an.
Neben dem nicht-wahrhaben-wollen und können traten sehr unterschiedliche Gefühle auf als die Therapie endete.
• innere Leere und Einsamkeit: als hätte man einen Teil von mir entfernt. Da ist plötzlich ein Loch entstanden
• Verzweiflung: Wie soll ich denn nun weiterleben ohne Frau M. an meiner Seite?
• Probleme im zwischenmenschlichen Bereich: Ich wurde sehr feindselig und ordnete alle anderen Beziehung dem Verlust unter. Ich konnte die Nähe und das Wohlwollen nicht spüren, da alles von dem Verlust überdeckt war.
• Ab und zu Suizidgedanken – als Folge der Angst ohne sie nicht leben zu können.
• Ärger und Wut gegen andere: Eigentlich war es eine Wut auf Frau M., denn in meinen Augen hat sie mich verlassen, mich im Stich gelassen. Doch ich übertrug diese Wut auf andere.
• Extreme Angst vor dem Verlassenwerden: Da ich merkte wie “schnell” es passieren kann verlassen zu werden, kroch die Angst wieder aus ihrem Loch. Was wenn Peter etwas passiert und er nicht mehr da ist? Da ist nur noch pure Panik und Todesangst. Mit der Zeit flachte die Angst etwas ab, aber sie kommt immer wieder zum Vorschein.
• tiefsitzender Selbsthass wurde wieder aktiviert: auch das ist ein alter Bekannter: “war ja klar dass ich verlassen werde, so schlimm wie ich bin”, “ich habe mich nicht genug angestrengt, sonst würde sie die Beziehung nicht beenden”, “ich kriege nichts auf die Reihe”, “ich bin falsch”, “ich bin schuld”…
• Massive Essstörung: das Feuer ist wieder entfacht (ausführlicher Post dazu folgt)
• Viele Selbstverletzungen
Die innere Leere entstand durch den Verlust der Beziehungsperson – Frau M. Damit war verbunden, dass wichtige meiner menschlichen Bedürfnisse nicht mehr erfüllt wurden. Da der Mensch, auf den sich meine Wünsche und Sehnsüchte richteten, nicht mehr da war, entstand eine gähnende Leere, die so beängstigend und grausam war, dass eine Depression an seine Stelle trat. Anstatt die Trauer zuzulassen, identifizierte ich mich mit dem Verlust, um Frau M. nicht loslassen zu müssen. Jeglicher Schmerz und vorhandene Wut, die mit der Trennung einhergingen und ursprünglich ihr galten, fielen nun auf mich zurück. Ich hielt unbewusst an Frau M. fest, auch wenn ich dabei mein Ich als Opfer brachte.
Definition aus dem Internet:
Begriff der Borderline-Depression:
• Kern der Borderline-Depression ist immer Wut und Ärger, die Reaktionen auf Einsamkeit, Isolierung und Wertlosigkeitsgefühlen darstellen.
• Auch ein tiefsitzendes Gefühl der Abhängigkeit herrscht vor.
• Dazu gehört die elementare Angst, verlassen zu werden.
• Die Bindungen und zwischenmenschlichen Beziehungen spielen bei Borderline-Depressiven eine große Rolle
• Destruktives Verhalten, vor allem Selbstverletzung zur Regulierung der Gefühle und zum Ausleben von Selbsthass
Nach 9 Monaten (!) waren die Symptome und Auswirkungen so weit zurückgegangen, dass ich wieder fähig war konstruktiven Kontakt zu Frau M. aufzunehmen. Gestärkt durch die Tagesklinik traute ich mich dann auch an die letzten Stunden und den Abschied. Wirklich “gefühlt” hab ich den allerdings nicht, es war eher wie eine abschließende Formsache. Meine Erklärung dazu ist, dass ich unterbewusst schon keine Emotionen mehr zulassen wollte und konnte um das feine Häutchen auf der Wunde nicht wieder aufzureißen.
Dass sich danach mein komplettes weiteres therapeutisches Netz auflöst, wusste ich zu der Zeit noch nicht…