Der schmale Grad zwischen Sehnsucht und Sucht

Der schmale Grad zwischen Sehnsucht und Sucht

Ich sitze mal wieder im Zimmer eines Krankenhauses. Meine Bettnachbarin ist vor der anstehenden OP sehr nervös und ängstlich. Gefühle, die mir in dem Zusammenhang völlig fremd sind. Ich hingegen spüre Aufregung, Vorfreude und Spannung. Klingt sehr irritierend und es ist wohl auch eine Seite, die ich selten bis gar nicht nach Außen zeige.

Schon sehr früh waren Arztbesuche für mich sehr positiv besetzt. Da ist jemand, der mich ernst nimmt, der mir seine volle Aufmerksamkeit und Zuwendung gibt. Auch wenn es eine zeitlang sehr negative Arztbehandlungen gab – gerade Chirurgen, die das Krankheitsbild Borderline nicht verstanden und glaubten es sei eh egal und mich ohne Betäubung nähten oder mich nach wiederholten Selbstverletzungen als Strafe in die Psychiatrie einwiesen – blieb diese Sehnsucht nach dieser Geborgenheit und Sicherheit, die mir ein Arztbesuch gab, bestehen. Auch wenn der Arzt vielleicht nicht gerade positiv mir gegenüber gestimmt war, so war es doch auch die Atmosphäre, das Umfeld, der Geruch, die Geräte und das mir (stellvertretend der Wunde) Zuwenden.

Neben dieser verqueren Art der Geborgenheit, der Zuwendung und Aufmerksamkeit, waren es auch die Aspekte der Fürsorge und sich-kümmern. Auch wenn es eine negative Art der Aufmerksamkeit war. Aus dieser Sehnsucht wurde eine Art Sucht. Immer drängender wurden die Gedanken, der Wunsch nach diesem umsorgt-werden und der Fürsorge und daraus resultierend immer “dramatischer” die Aktionen um wieder zum Arzt gehen zu können. Nicht selten kamen auch Mittel der Lüge, Inszenierung und Manipulation zum Einsatz. Gleichzeitig musste ich ja nach Außen hin den Schein wahren und erzählte fast nie von meiner wahren Motivation, zumal sie mir lange, lange Zeit selber gar nicht bewusst war.

Erst vor kurzem habe ich begonnen, offener damit umzugehen, es auch dem einen oder anderen Arzt offen zu sagen. Eine zeitlang war es dadurch besser und der Drang war nicht so groß, waren da doch auch Gefühle wie Scham, Schuld und ertappt-sein. Aber ich spürte auch eine Erleichterung, nun offener und ehrlicher damit umzugehen.

Doch gerade in kürzerer Vergangenheit hat dieses im Verborgenen Agieren wieder zugenommen. Es wurde stark durch den Anfall und dem damit einhergehenden Klinikaufenthalt getriggert. Ich erzählte immer weniger von den Selbstverletzungen, trennte das Innen immer mehr vom Außen und landete schließlich da wo ich jetzt bin. Ich kann nicht leugnen, dass ein Teil den Aufenthalt und die damit verbundene Fürsorge, Aufmerksamkeit und Zuwendung genießt und sich total wohl fühlt. Es gibt in mir eine Faszination für all diese Krankenhausgeschehnisse, der medizinischen Apparaturen, das Blut abnehmen, die Narkose, Wunden, Pflaster und Verbände. Nicht umsonst haben Krankenhausserien eine magische Anziehungskraft auf mich. Wobei ich mittlerweile glaube, dass sie mir eher schaden. Gerade in Arztserien wird ja alles sehr geschönt dargestellt und sorgt bei mir für eine noch größere Sehnsucht.

Auf der anderen Seite gibt es einen Anteil, der genervt ist, der sich eingeschränkt fühlt und sich nach zu Hause sehnt. Im Moment bin ich voller Hoffnung und guter Vorsätze, kann aber trotzdem nicht leugnen mich auf den Eingriff zu freuen.

Vielleicht wird das auch nie weg gehen, diese Sehnsucht. Aber ich kann verhindern, dass es weiterhin eine Sucht bleibt.

Das Ganze hat auch einen medizinischen Namen: artifizielle Störung

Kurzdefinition – Artifizielle Störung

Bei der artifiziellen Störung können körperliche oder psychische Symptome oder Einschränkungen an der eigenen Person oder an anderen Personen (i.d.R. dem eigenen Kind) absichtlich erzeugt oder vorgetäuscht werden. Das selbst- oder fremdverletztende Verhalten wird häufig im Verborgenen und zumeist in einem unbewußten Zustand durchgeführt. Anschließend können medizinische Behandlungen eingefordert werden.

www.uke.de

Nachtrag:

Mittlerweile liege ich schon fast 1,5 Wochen im Krankenhaus. Meine Gefühle fahren Achterbahn. Heute hatte ich ein sehr schönes, tiefgehendes und bestärkendes Gespräch mit der Dame der Essensbestellung. Ich habe ihr auch von meiner Motivation bald wieder nach Hause zu wollen und mit mehr Hoffnung und positiven Willen nach vorne zu blicken, erzählt. Gleichzeitig gibt es diesen Anteil, der zusammenzuckt wenn es heißt, die Wunde heilt und es schaut gut aus. Besonders schwierig sind Aussagen wie, “zum Glück war es nicht all zu tief”. Da kommt in mir eine Art Frust, Enttäuschung oder Bedauern auf, ich wäre ein Versager, nicht mal eine ordentliche Wunde kriege ich hin. Hier ist es glaube ich für mich wichtig, immer wieder zu erkennen und zu überprüfen welche Stimme da aus mir spricht. Sie wahrzunehmen, aber auch aufzupassen, dass sie nicht die Oberhand bekommt. Aber sie ist eben auch ein Anteil von mir.

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